Der 10. Mai

Der 10.Mai1957, drehte Franz Schnyder mit „Der 10. Mai“, nach Gotthelf- und Heimatfilmen, erstmals wieder einen politisch, kritischen Film, der die Lage der Schweiz im 2. Weltkrieg schilderte.

Uraufführung: 18.10.1957
Regie: Franz Schnyder
Darsteller: Heinz Reincke, Linda Geiser, Fred Tanner, Therese Giehse, u.a…

Story:
10. Mai 1940.
Deutsche Wehrmachts-Truppen überfallen die neutralen Benelux-Staaten.
In der, ebenfalls neutralen, Schweiz fürchtet man ebenfalls einen Angriff der Deutschen, und Panik macht sich unter der Bevölkerung breit.

Zu diesem Zeitpunkt flüchtet der, politisch verfolgte Werner Kramer (Heinz Reincke) von Deutschland in die Schweiz.
Doch hier herrscht eine restriktive Flüchtlingspolitk und die Behörden fakeln nicht lange damit, illegale Grenzgänger unmittelbar zurück zu senden.

Nur mit Hilfe eines Zöllners (Emil Hegetschweiler), der beide Augen zudrückt, und eines Lastwagenfahrers (Max Haufler), der ihn mit sich nimmt, gelingt es Kramer nach Zürich zu kommen.
Dort hofft er, bei der, ihm bekannten, Familie Hefti, untertauchen zu können.

Doch die Heftis haben sich, wie soviele Zürcher Familien, in der allgemeinen Panik mit ihrem Wagen auf den Weg ins Landesinnere gemacht.
Zu den wenigen Wohlhabenden, die dennoch in der Stadt bleiben, gehört der Jude Hertz (Herman Wlach) und seine, an den Rollstuhl gebundene, Frau (Therese Giehse).
Die beiden entschliessen sich, auszuharren, wohlwissend, dass sie bei einem deutschen Einmarsch zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten gehören würden.

Das Ehepaar Hertz (Therese Giehse und Herman Wlach)

Das Ehepaar Hertz (Therese Giehse und Herman Wlach)

Kramer trifft indesss unverhofft auf die Schneiderin Anna (Linda Geiser), die er von früher her kennt.
Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause, wo sie mit ihrem verwitweten Schwager Albert Widmer (Fred Tanner) und dessen Sohn zusammenlebt.
Diesem passt es jedoch gar nicht, dass er unter seinem Dach einen illegalen Flüchtling beherbergen soll.

Werner (Heinz Reincke) und Anna (Linda Geiser)

Werner (Heinz Reincke) und Anna (Linda Geiser)

Trivia:
Nachdem er mit den ersten Gotthelf-Verfilmungen und Heimatfilmen wie „Heidi und Peter“ oder „Zwischen uns die Berge“ in den 50ern grosse Erfolge an den Schweizer Kinokassen verbuchen konnte, wollte Franz Schnyder sich an einen ernsteren Stoff heran wagen.

Die Schweiz zur Zeit des 2. Weltkrieges, eine Epoche deren Erinnerung 1957 noch frisch war, erschien Schnyder perfekt.
Über 10 Jahre nach dem, in ähnlichem Umfeld gelagertem, beim Publikum geflopten, „Wilder Urlaub“, glaubte er, dass numehr die Zeit reif für einen Filmstoff dieser Art sei.

Generalmobilmachung in der Schweiz

Generalmobilmachung in der Schweiz

Gemeinsam mit den Schweizer Schriftstellern Wilhelm Michael Treichlinger und Arnold Kübler (Gründer der Zeitschrift „du“), schrieb er das Drehbuch.
Nebst Erfahrungen aus der Zeit des „Aktivdienstes“, 1939-1945, verarbeiteten sie „aktuelle“ Ereignisse, wie den Ungarnaufstand von 1956 und die anschliessende Massenflucht in die Schweiz.

Der Deutsche Heinz Reincke („The Longest Day“), und die Bernerin Linda Geiser („Handyman“) spielten die Hauptrollen, während Fred Tanner („Marie Louise“) den Schwager verkörperte.

Für die Zahlreichen Nebenrollen, die zum Teil nur Auftritte von wenigen Minuten hatten, verpflichtete man die Créme de la Créme der damaligen Schauspielszene.

Nebst Darstellern wie Emil Hegetschweiler („Cafe Odeon“), Max Haufler („Der Teufel hat gut lachen“), Valerie Steinmann („Es Dach über em Chopf“), Ellen Widmann („Der Fall“), Hans Gaugler („Dällebach Kari“), Heinrich Gretler („Wachtmeister Studer“), Fredy Scheim („Oberstadtgass“), Alfred Rasser („Die missbrauchten Liebesbriefe“), Walter Roderer („Der Mustergatte“) und Max Werner Lenz („Bäckerei Zürrer“), die dem Publikum bereits aus verschiedensten Kinoproduktionen bekannt waren, wirkten auch einige Schauspieler aus dem Ensemble des Zürcher Schauspielhauses mit, unter anderem
Therese Giehse, Herman Wlach und Gustav Knuth, allesamt deutscher Herkunft.

Die Französin Paulette Dubost („Maigret Tend Un Piège“) war in einer kleinen Rolle zu sehen.

Für die Kameraarbeit war erstmals der Russe Konstantin Tschet verantworlich, während Schnyders Stammkomponist Robert Blum die Filmmusik schrieb.

Gedreht wurde in einem Studio in Zürich-Witikon, sowie an Originalschauplätzen in der Stadt Zürich.

Der Film eröffnete 1958 die „Berlinale“, war jedoch nicht der offizielle Filmbeitrag der Schweiz.

Er wurde von den Kritikern zwar wohlwollend aufgenommen, fand jedoch nur ein kleines Publikum, was Schnyder, der den Film auch produziert, und dadurch viel Geld verloren hatte, dazu bewog sich wieder vermehrt dem folkloristischen Film zuzuwenden.

1976 schnitt er den Film neu, fügte Filmausschnitte aus der deutschen „Wochenschau“ ein, und brachte diese Fassung erneut in die Kinos.

Fazit:
Zum ersten Mal versucht ein Schweizer Film die Rolle der „neutalen“ Schweiz im 2. Weltkrieg kritisch aufzuarbeiten.
„Der 10. Mai“ porträtiert auf der einen Seite das, teils sehr überstürzte, panische, Verhalten der Bevölkerung im Angesicht der Bedrohung, auf der andern der Umgang mit den Flüchtlingen.

Letzteres ist ja bis heute ein aktuelles Thema.

Schnyder inszeniert den Film in einer nahezu dokumentarischen Art, viele Szenen kommen mit einem Minimum an Dialog und ganz ohne musikalische Untermalung aus.

Wie schon bei „Wilder Urlaub“, bediente sich Schnyder ganz offensichtlich beim amerikanischen Film Noir, was sich in der Bildsprache zeigt.
Konstantin Tschet inszeniert starke, kontrastreiche Schwarz-Weiss-Bilder und arbeitet meisterhaft mit Licht und Schatten.

Der grosse Cast, verspricht nicht zu viel.
Obschon die meisten Darsteller nur Kurz- und Kürzestauftritte haben, sind sie doch allesamt sehr gut besetzt.
Heinz Reincke, Linda Geisser und Fred Tanner überzeugen in den Hauptrollen.
Herman Wlach und insbesondere Therese Giehse, als Ehepaar Hertz, spielen grandios, und zeigen mal wieder, was solide Schauspielkunst ist.

Inhaltlich lässt der Film nichts anbrennen.
Gut, die Grundhandlung ist denkbar simpel, doch darum geht es Schnyder nicht.
Er möchte die Grundstimmung dieser Tage und Haltung der Bevölkerung zeigen.

Er hat seine Lektion aus dem (für meinen Geschmack) etwas zahmen „Wilder Urlaub“ gelernt, und scheut sich nicht, nun Kritik offen zu äussern.
Leider dauerte es noch über 20 Jahre, oder bis Markus Imhofs „Das Boot ist Voll“, ehe das helvetische Publikum bereit war für eine selbstkritische, filmische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit.

Das offene Ende passt zudem gut zur Stimmung des Films, und der Ungewissheit seiner Hauptpersonen, die er darlegt.

Einer von Schnyders besten Filmen, in Punkto Machart, Erzählung und Dramaturgie:
Dazu ein starbesetzten Cast mit einer überragenden Therese Giehse.

5 von 5 Schweizer Zollposten

5

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