Anne Bäbi Jowäger – Teil 1 – Wie Jakobli zu einer Frau kommt

anne_baebi_11843 trat die Berner Regierung an den Emmentaler Schriftsteller Jeremias Gotthelf heran, mit der Bitte eine Streitschrift gegen die grasierende Quaksalberei zu verfassen.
Daraus entstand der mehrere hundert Seiten lange, zweibändige Roman „Anne Bäbi Jowäger“.
1960 entschloss sich Regisseur Franz Schnyder dazu den Roman zu verfilmen.
Ebenfalls in zwei Teilen.

Uraufführung: 21.10.1960
Regie: Franz Schnyder
Darsteller: Margrit Winter, Ruedi Walter, Peter Brogle, Kathrin Schmid u.a…

Story:
Im Emmental des 19. Jahrhunderts kursiert reger Aberglaube, und Quaksalber und selbsternannte Heiler drehen den Leuten allerlei Getränke an, die mehr schaden als nützen.

Zu diesen Kurpfuschern gehört auch der Vehansli (Max Haufler).

Als Jakobli (Peter Brogle), der einzige Sohn von Anne Bäbi (Margrit Winter) und Hansli (Ruedi Walter) Jowägers, die Pocken kriegt, sucht Anne Bäbi den Vehansli auf.

Familie Jowäger...

Familie Jowäger…

Das „Elixir“ das er ihr mitgibt, kostet Jakobli jedoch fast das Leben.
Nur durch das behertzte Eingreifen des Dorfarztes (Peter Arens), kann er gerettet werden.
Er ist allerdings von nun an dauerhaft entstellt und auf einem Auge blind.

Eine Wahrsagerin (Valerie Steinmann) prophezeit dem abergläubischen Anne Bäbi, dass Jakoblis Leiden gelindert werden könne, wenn er heirate.
In Solothurn, so sagt die Hellseherin weiter, werde er auf ein Mädchen mit einer Zwiebel in der Hand treffen; dies sei die Richtige.

... und der Zyberlihoger-Clan

… und der Zyberlihoger-Clan

Als sich Familie Jowäger mit Ross und Wagen nach Solothurn aufmacht, treffen sie dort auf Lisi vom Zybelihoger (Linda Geiser), in Anne Bäbis Augen die Ausserwählte.
Deren Eltern, den völlig verarmten Zybelihogerbauern (Heiri Gretler und Ellen Widmann), käme eine Heirat mit den vermögenden Jowägers gerade recht.
Sie spekulieren auf ein frühes Ableben Jakoblis und ein mögliches Erbe.

Doch dann geschieht das Unfassbare.
Jakobli trifft auf der Treppe der St. Ursenkathedrale auf das Mädchen Meyeli (Kathrin Schmid), dass dort Zwiebeln verkauft.

Die beiden verlieben sich ineinander, nicht ahnend das sie dadurch die Pläne des berechnenden Anne Bäbis und der intriganten Zyberlihoger-Sippe gehörig durcheinanderbringen.

Meyeli (Kathrin Schmid) und Jakobli (Peter Brogle)

Meyeli (Kathrin Schmid) und Jakobli (Peter Brogle)

Trivia:
Nachdem sich Regisseur und Produzent Franz Schnyder entschlossen hatte, mit seiner Produktionsfirma „Neue Film AG“ voll auf Jeremias Gotthelf zu setzen, und damit auch sehr erfolgreich fuhr, sah er die Zeit gekommen, einen von Gotthelfs komplexeren Romanen zu verfilmen.

Die Wahl fiel auf „Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem Doktern geht“, in dem es, wie in der Einleitung aufgeführt, um Quaksalberei und Aberglaube geht.
Er entschloss sich den Stoff zwar in einem Mal zu verfilmen, ihn aber, aus dramaturgischen Gründen in zwei Teilen in die Kinos zu bringen.

Schnyder griff auf einen Cast zurück, der zu einem Grossteil bereits an früheren Gotthelf-Filmen beteiligt war.
Margrit Winter und Ruedi Walter spielten das Ehepaar Jowäger, Margrit Rainer deren Magd Mädi.

Max Haufler verkörperte den Vehansli, Heiri Gretler den Zyberlihogerbauern, Linda Geiser seine Tochter Lisi und Willy Fueter sein Vetter.

Meyelis Götti wurde von Max Werner Lenz  gespielt.

Anneliese Egger ist als Maurer-Vreni zu sehen, Peter Arens und Erwin Kohlund als Dofarzt und Pfarrer.
Annemarie Düringer schliesslich, gab die Pfarrerstochter Sophie.

Erstmals bei einer Gotthelf-Verfilmung mit an Bord waren Peter Brogle („Bäckerei Zürrer“) und Kathrin Schmid („Andorra“) als Jakobli und Meyeli.
Die zwei waren auch im realen Leben ein Paar.

Ebenfalls ihren Einstand in die Filmreihe gaben Valerie Steinmann („De Grotzepuur“) und Schaggi Streuli („Taxichauffeur Bänz“) als Wahrsager, Fred Tanner („Der 10. Mai“) als Knecht Sami und Ellen Widmann („M- Eine Stadt sucht einen Mörder“) als Zyberlihogerbäuerin.

Bei der Crew vertraute Schnyder auf die bisherigen Filmschaffenden.
Das Drehbuch verfasste er erneut gemeinsam mit Richard Schweizer, Robert Blum schrieb wiederum den Soundtrack und Konstantin Tschet war als Chef-Operateur ein weiteres Mal für die Kameraarbeit verantwortlich.

Nebst Aussenaufnahmen im Emmental, Solothurn und dem freiburgischen Bad Bonn, wurde in den studioeigenen „Chicorée-Hallen“ in Kilchberg bei Bern und den Zürcher „Rosenhof-Studios“ die Innenaufnahmen gedreht.

„Anne Bäbi Jowäger- Teil 1: Wie Jakobli zu einer Frau kommt“ wurde wie schon die ersten drei Gotthelf-Verfilmungen zu einem Publikumserfolg.

Fazit:
Noch stärker als die zwei „Uli“-Filme, gehören die beiden „Anne-Bäbi-Jowäger“-Teile zueinander.

Daher soll auch „Wie Jakobli zu einer Frau kommt“ nicht als eigenständiger Film betrachtet werden, sondern als erster Akt eines zweiteiligen Stückes.

Dies bietet Schnyder die Möglichkeit, die Dramatik des zweiten Teils, im ersten langsam aufzubauen.
Die Thematik um Aberglaube und Scharlatane wird langsam, Schritt für Schritt angegangen, dafür dominieren Witz, Verwechslungen, Intrigen und überzeichnete, teils karrikaturhafte Figuren, wie in einem Bauernschwank.

Was die Wahl und Führung der Darsteller angeht, beweist der Regisseur wiederum ein goldenes Händchen.
Margrit Winter als resolutes Anne Bäbi ist grossartig.
Ruedi Walter als handzahmer Gatte und Margrit Rainer als widerspengstige Magd füllen ihre Rollen gut aus.

Peter Brogle und Kathrin Schmid geben eines der süssesten Liebespärchen der Gotthelf-Filme ab und die Szene ihrer Begegnung gehört zu den schönsten Liebesszenen in einem Schweizer Film.

Hier beweist Schnyder, dass er durchaus Talent bei der Inszenierun leiser, feinen Szenen hat.
Im krassen Gegensatz dazu steht die Zyberlihoger-Sippe, deren Auftritte laut und karrikaturhaft rüberkommen, die jedoch mit Heiri Gretler, Ellen Widmann, Linda Geiser und Willy Fueter ebenfalls sehr gut besetzt sind.

Bei der Inszenierung lässt man jedoch nichts anbrennen.
Bereits die Eröffnungsszene in der tiefverschneiten Schneelandschaft, die den Grundton des zweiten Teils vorwegnimmt, ist gut in Szene gesetzt, und meiner Meinung nach das beste Intro einer Gotthelf-Verfilmung.
Konstantin Tschet schafft an der Kamera starke Bilder und Robert Blums dezenter Soundtrack untermalt das Ganze sehr gut.

Für sich alleine betrachtet, kann der Film nicht ganz an die drei Vorgänger anknüpfen.
Auch wenn er handwerklich gut gemacht, und schauspielerisch gut besetzt ist, ist die Story eher banal und die Figuren zum Teil etwas arg karrikaturhaft.

Als „Vorspiel“ des zweiten Teils gesehen, funktioniert er jedoch ganz gut.
Er geht die Grundthematik langsam an, und lässt sich die nötige Zeit beim Aufbau der Figuren und Handlung.

Ein guter Einstieg, handwerklich solide gemacht, mit einfacher Story und guten Darstellern.
Wird allerdings vom zweiten Teil, „Jakobli und Meyeli“, um Längen geschlagen.

3.5 von 5 Zwiebeln

3.5

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