Anne Bäbi Jowäger – Teil 2 – Jakobli und Meyeli

anne_baebi_2Fünf Monate nach dem ersten Teil brachte Regisseur Franz Schnyder die Fortsetzung der Romanverfilmung von Jeremias Gotthelfs „Anne Bäbi Jowäger“ in die Kinos.

Uraufführung: 24.3.1961
Regie: Franz Schnyder
Darsteller: Margrit Winter, Peter Brogle, Kathrin Schmid, Max Haufler u.a…

Story:
Jakobli Jowäger (Peter Brogle), hat entegen dem Willen seiner Mutter Anne Bäbi (Margrit Winter), das hübsche Meyeli (Kathrin Schmid) geheiratet.

Diese weiss noch nicht, was sie auf dem Hofe der Jowägers erwarten wird.

Anne Bäbi (Margrit Winter) begutachtet die "Neue" (Kathrin Schmid)

Anne Bäbi (Margrit Winter) begutachtet die „Neue“ (Kathrin Schmid)

Doch entgegen aller Befürchtungen, schliesst die resolute Hausherrin ihre neue Schwiegertochter sogleich ins Herz, und führt sie voller Tatendrang in die Arbeit auf Hof und Haus ein.

Als Jakobli und Meyeli ein Kind, Köbeli, kriegen, opfert sie sich liebevoll für den Kleinen auf.
Doch im Emmental des 19. Jahrhunderts garsiert die Diphtherie, eine tödliche Krankheit, der vorallem Kinder zum Opfer fallen.

Auch der kleine Köbeli kriegt die Infektion, und anstelle eines Arztes, suchen die abergläubischen Jowägers den Quaksalber Vehansli (Max Haufler) auf, dessen „Medizin“, nichts nützt.
Die Folge davon: das Kind stirbt.

Vehansli (Max Haufler)

Vehansli (Max Haufler)

Für den Dorfarzt (Peter Arens) und den Pfarrer (Erwin Kohlund) ein Toter zu viel.
Sie gehen gegen den Vehansli, dessen Tränke hochgiftig sind, und schon so manches Opfer gefordert haben, rechtlich vor.
Doch die Herren Rechtsvertreter sind, wie nahezu das halbe Emmental, Kunden des Scharlatans, und in ihrer Meinung voreingenommen.

Der Pfarrer (Erwin Kohlund) und der Doktor (Peter Arens) wollen gegen den Vehansli, vor Gericht

Der Pfarrer (Erwin Kohlund) und der Doktor (Peter Arens) wollen gegen den Vehansli, vor Gericht

Unterdessen macht der übereifrige Vikar (Franz Matter) des Pfarrers, Anne Bäbi schwere Vorwürfe, und gibt ihr die Schuld am Tode Köbelis.
Sie glaubt dem Geistlichen, verfällt deshalb zunehmend dem Wahnsinn, zieht sich vollends vom Leben zurück, und will nur noch eins: sterben.

Trivia:
Der zweite Teil von Franz Schnyder’s Verfilmung von Jeremias Gotthelfs, ebenfalls zweiteiligem, Roman „Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem doktern geht“.
Die beiden Teile entstanden zeitgleich.

Daher war auch der Cast und die Crew nahezu dieselbe wie bei „Wie Jakobli zu einer Frau kommt“
Das Ehepaar Peter Brogle und Kathrin Schmid war wiederum als Jakobli und Meyeli zu sehen, Margrit Winter und Ruedi Walter als Anne Bäbi und Hansli Jowäger, Margrit Rainer und Fred Tanner als Magd Mädi und Knecht Sami, Peter Arens und Erwin Kohlund als Dofarzt und Pfarrer, Annemarie Düringer in der Rolle der Pfarrerstochter Sophie, Anneliese Egger agiert als Maurer-Vreni und Max Haufler verkörperte erneut den Vehansli.

Neu mit dabei waren Franz Matter („Die Käserei in der Vehfreude“) als Vikar, Sigfrit Steiner („Das gefrorene Herz“) als Gerichtspräsident, Oscar Hoby („Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner“) als Dorfpolizist und Hedda Koppé („Uli der Pächter“) als Hebamme.

Hinter der Kamera blieb auch alles beim Alten, Robert Blum verfasste die Musik, Konstantin Tschet führte die Kamera und Max Röthlisberger fungierte als Bühnenbildner.

Kameramann Konstantin Tschet

Kameramann Konstantin Tschet

Der Film erschien gut 5 Monate nach seinem Vorgänger.
Da er nicht den, von Schnyder gewünschten, Publikumserfolg verbuchen konnte, schnitt dieser die beiden Einzelfilme zu einem einzigen Werk zusammen, das er 1962 unter „Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem doktern geht“, dem Originaltitel des Romanes, veröffentlichte.

Da er jedoch auch mit dieser Version nicht zufrieden war, schnitt er diese erneut, und legte, bislang nie veröffentlichtes, Material dazu.
Diese, endgültige, Version kam schliesslich 1978 unter dem Titel „Anne Bäbi Jowäger“ in die Schweizer Kinos.

Fazit:
Obschon zeitgleich, und unter gleichen Umständen gedreht, unterscheidet sich „Jakobli und Meyeli“ frapant von „Wie Jakobli zu einer Frau kommt“.

Der Film setzt zwar nahtlos an den Vorgänger an, schnell wird jedoch klar, dass hier ein anderer Ton angeschlagen wird.
War der Erstling noch eine Art Bauernschwank und fast eine, von Intrigen und Ränkespielen durchtränkte, grobschlächtige Komödie, so schlägt Schnyder hier feine Töne an.

Bereits die Szene in der Jakobli und Meyeli, voller Ungewissen, in finsterster Nacht auf den Jowägerhof gelangen, ist spannungsgeladen und bildstark inszeniert.

Kameramann Konstantin Tschet gelingt es ohnehin Schwarz-Weiss-Bilder von einer solch ästhetischen Kraft auf die Leinwand zu bannen, die so ausdrucksstark sind, dass sie ohne jeglichen Einsatz von Dialog oder Musik auskommen.

Seine Bilder erinnern in gewissen Szenen stark an das expressionistische deutsche Kino der 20er Jahre, in dem Tschet ja gross geworden ist.
Die Sequenz mit Anne Bäbis Suizidversuch ist vom Bildaufbau und der Inszenierung her grossartig und eine der besten Szenen der Gotthelf-, ja gar der Franz Schnyder-Filme.

Hinzu kommen die Landschaftsaufnahmen der tiefverschneiten Ebenen und Felder, die ihrerseits ihren Beitrag zur Stimmung des Films leisten.

Hier wären wir beim Inhalt angelangt.
Obschon der Film einen ernsteren und düstereren Ton als der Vorgänger anschlägt, nimmt er die angeschnittene Thematik desselbigen auf und vertieft dieselbe.
Der Handlungsstrang rund um den Scharlatan Vehansli und den Dorfarzt, der im ersten Teil nur am Rande angeschnitten wurde, entwickelt sich hier zu einer der elementaren Storyebenen.

Wenn auch der Kampf gegen die Quaksalberei und das Kurpfuschen, ganz im Sinn und Geist von Gotthelfs Kampfschrift, der zentrale Inhalt des Films ist, so wirkt er nie moralisch oder belehrend.
Im Gegenteil; Kritik an der Kirche wird in der Figur des übereifrig missionierenden Vikars sogar recht offen dargebracht.

Regisseur Schnyder schafft es, die ganze Bandbreite, zwischen Leben und Tod in einen Film mit viel Tiefe und einer tollen Story zu packen.

Hinzu kommt ein, bis in die Nebenrollen perfekt besetztes, Ensemble.
Die Schauspieler glänzen allesamt in ihren Rollen, insbesonders Peter Arens und Erwin Kohlund sowie Max Haufler als deren „Konkurent“ spielen grossartig.
Kathrin Schmid kann in ihrer Rolle mehr Facetten ihres Könnes als noch im Erstlingsfilm zeigen.
Alle werden sie jedoch von der unnachahmlichen Margrit Winter überschattet, die eine der beste n Rollen ihrer Karriere spielt.

„Jakobli und Meyeli“ ist in jeder Hinsicht der beste Gotthelf-Film.
Eine vielschichtige und tiefgründige Story, in grossartige Bilder gefasst und mit erstklassigen Schauspielern bestückt.

5 von 5 Fläschen von Vehanslis „Medizin“

5

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Franz Schnyder Special, Reviews, Schweizer Film abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s