Heidi

heidiZum 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, möchte ich mal wieder einen hiesigen Film vorstellen.
Die Wahl fiel auf einen der helvetischsten Filmstoffe überhaupt: „Heidi“; und zwar die 1952er Version mit Elsbeth Sigmund in der Titelrolle und Heiri Gretler als Alpöhi.
Es ist dies (nebst der Fortsetzung) bis heute die einzige Schweizer Adaption des Stoffes.
Allerdings wird bald eine Neuverfilmung mit Bruno Ganz, gedreht…

Uraufführung: 14.11.1952
Regie: Luigi Comencini
Darsteller: Elsbeth Sigmund, Heinrich Gretler, Thomas Klameth, Isa Günther, u.a…

Story:
Das Waisenmädchen Heidi (Elsbeth Sigmund) lebt gemeinsam mit ihrem Grossvater Alpöhi (Heinrich Gretler) in den Bündner Bergen.
Da sich der alte Mann mit der Dorfbevölkerung zerstritten hat, wohnen die beiden abgelegen auf einer Alp, und der einzige regelmässige Kontakt ist der Geissenpeter (Thomas Klameth).
Eines Tages taucht Heidis Tante Dete (Elsie Attenhofer) auf, und nimmt das Mädchen, gegen den Willen des Alpöhis, mit ins weit entfernte Frankfurt.

Kinder der Berge

Kinder der Berge

Dort lebt Klara Sesemann (Isa Günther), Tochter eines reichen Kaufmannes, die an den Rollstuhl gebunden ist, und die sich nichts sehnlicher wünscht als eine Freundin.
In Heidi scheint diese gefunden; und tatsächlich; die beiden freunden sich an und Klara gewinnt neuen Lebensmut.
Allerdings plagen Heidi grosse Sehnsüchte und grosses Heimweh nach den Bergen.

Älpler unter sich

Älpler unter sich

Trivia:
Anfangs der 1950er Jahre war die Praesens-Film AG unter Produzent Lazar Wechsler („Wachtmeister Studer“) in finanzielle Schieflage geraten, und stand kurz vor dem Konkurs.
Eine rettende Produktion, die einerseits kostengünstig umsetzbar, andererseits finanziell vielversprechend sei, musste her.
So stiess man auf Johanna Spyri’s „Heidi“, der bereits mehrfach in den USA, jedoch noch nie in seinem Ursprungsland verfilmt worden war.

Regisseur Luigi Comencini und Kameramann Emil Berna (v.l.n.r.)

Regisseur Luigi Comencini und Kameramann Emil Berna (v.l.n.r.)

Während der Oscarpreisträger Richard Schweizer („Marie-Louise“) für das Drehbuch gewonnen werden konnte, zeigte Wechslers Wunschkandidat für die Regie, Leopold Lindtberg, kein Interesse an einer ebensolchen.
Schliesslich konnte der Italiener Luigi Comencini („L’imperatore di Capri“) verpflichtet werden

Für die Rollen von Heidi und Peter wurden unbekannte Gesichter gesucht, und daher ein grosses Casting an diversen Schulen veranstaltet.
In Thomas Klameth fand man relativ bald den Geissenpeter, für Heidi waren am Schluss ein Dutzend Mädchen im Rennen, von denen Elsbeth Sigmund  schliesslich das Rennen machte.

Beim Rest des Casts setzte man auf einige der grössten Stars der Schweizer Filmszene der 50er.
So gab Heinrich Gretler („Matto Regiert“) den Alpöhi, die Kabarettistin Elsie Attenhofer („Die missbrauchten Liebesbriefe“) spielte Tante Dete, Margrit Rainer („Oberstadtgass“) Brigitte, Peters Mutter, Fred Tanner („Anne Bäbi Jowäger“) den Pfarrer, Max Haufler („Hinter den Sieben Gleisen“) den Dorfbäcker und Armin Schweizer („Wachtmeister Studer“) den Pförtner des Frankfurter Doms.

Für die „Frankfurter“ bediente man sich an Darstellern aus dem „grossen Kanton“.
Die Jugenddarstellerin Isa Günther („Das Doppelte Lottchen“) spielte Klara, Willy Birgel („Zu neuen Ufern“) ihren Vater und Traute Carlsen („Die Zürcher Verlobung“) verkörperte Klaras Grossmutter.
Anita Mey („So ein Flegel“) wurde als Fräulein Rottenmeyer gecastet und der Komiker Theo Lingen („Ein Lied geht um die Welt“) gab den Diener Sebastian

Bei der Crew vertraute man indess auf Praesens-vertraute Gesichter.
Robert Blum („Uli der Knecht“) schrieb die Filmmusik, Emil Berna („Gilberte de Courgenay“) fungierte als Kameramann und Hermann Haller („Der Zinker“) schnitt den Film.

Indess die Aussendrehs zu einem Grossteil im Bündnerland genauer den Dörfern Bergün, Filisur, Pontresina und Celerina stattfanden, diente die Basler Altstadt als Ersatzkulisse für die Stadt Frankfurt.
Innenaufnahmen wurden in den Rosenhof-Studios in Zürich gedreht.

Mit über 500’000 Chf Kosten, wurde der Film teurer als erwartet; allerdings wurde der Film in der Schweiz zum Kassenschlager und spielte die Kosten dank Vermarktung in Deutschland und den USA bald wieder ein.

Fazit:
Zugegeben, ich fand die Heidi-Geschichte von Spyri immer etwas kitschig.
Zu viel heile Welt, ein zu klischiertes Schweiz-Bild und irgendwie überholt.
Doch der Film von Luigi Comencini gefiel mir interessanterweise schon als Kind.
Und dies hat mehrere Gründe.

Einerseits ist es Richard Schweizer gelungen aus der Vorlage, ohne diese zu verleugnen, eine ansprechende Adaption zu gestalten, andererseits sind es gerade die Darsteller, die durch erstklassiges Spiel zu überzeugen wissen.
Da wäre Elsbeth Sigmund, die ein herrlich natürliches Heidi gibt, das sich direkt in die Herzen der Zuschauer spielt.
Nicht weniger natürlich spielt den Thomas Klameth den Geissenpeter und lässt dabei viel lausbübischen Charme spielen.

Ganz klar zu erwähnen ist Heinrich Gretler, der als Alpöhi die Rolle seines Lebens spielt.
Er überzeugt mit grosser darstellerischen Differenziertheit und gibt den alten Mann ebenso kauzig und eremitisch wie gutherzig und liebevoll.

Isa Günther kann als Klara überzeugen, indess Anita Mey als übersteifes Fräulein Rottenmeier zu punkten weiss.
Theo Lingen und Elsie Attenhofer schliesslich sorgen für die nötige Komik.

Ohnehin gelingt es Comencini Witz und Humor aber auch Drama und Tiefe in diesen Film zu bringen.
Nebst den Darstellern und dem soliden Script überzeugt vorallem die Machart, die auf die Eingespieltheit der Praesens-Crew schliessen lässt.
Insbesonders die perfekt ausgeleuchteten Aufnahmen Emil Berna’s, sowie die wunderbaren Landschaftsaufnahmen sind erste Güteklasse und zeigen die hohen technischen Standarts des Schweizer Filmes der 50er Jahre.

Die allererste „Heidi“-Verfilmung der Schweiz, bietet eine ebenso zeitlose wie ansprechende Adaption des Stoffes ohne sich dabei allzuweit vom Original zu entfernen.
Der Film bietet vorallem mit den erstklassigen Darstellern, aber auch der sehr guten Machart, noch heute beste Kinounterhaltung

4 von 5 gehörnten Paarhufern

4

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